r Late Fame
Kent Jones, USA, France, 2026o
The long-forgotten works of New York poet Ed Saxberger captivate an eccentric group of young creatives and rekindle his artistic passion. This mutual fascination is also due in part to the enchanting charisma of actress Gloria, who is set to perform Saxberger’s new work.
Fernab von Superhelden, kleinen Horrorfilmen, Bestsellerverfilmungen und beliebigem Nachschub für die Streamingplattformen verfügt das unabhängige amerikanische Kino noch immer über einige Reserven. Ein neuer Beweis dafür ist diese unerwartete Adaption eines posthum erschienenen Romans von Arthur Schnitzler. Der ehemalige Kritiker und Programmgestalter Kent Jones hatte die glückliche Eingebung, die Handlung aus dem Wien um 1900 ins New York der Gegenwart zu verlegen. Das Ergebnis mag nicht ganz das Format von Eyes Wide Shut erreichen, der mit Schnitzlers Traumnovelle dasselbe Unterfangen wagte, ist aber rundum gelungen. Willem Dafoe spielt in einer seiner viel zu seltenen Hauptrollen mit entwaffnender Aufrichtigkeit Ed Saxberger, einen älteren Postangestellten, den ein «später Ruhm» völlig unvorbereitet trifft. Eine Gruppe junger Nachwuchsautor hat einen Gedichtband wiederentdeckt, den er einst, in den fernen 1970er-Jahren, verbrochen hatte. In ihren Kreis aufgenommen und von ihrer Bewunderung geschmeichelt, erklärt er sich bereit, für einen öffentlichen Leseabend ein neues Gedicht zu verfassen, das die attraktive Schauspielerin Gloria vortragen soll. Aber ist er dazu überhaupt noch fähig? Man schmunzelt über die Falle, in die der alte Mann nur allzu bereitwillig tappt, amüsiert sich über den etwas prätentiösen literarischen Ehrgeiz der jungen Leute und bangt mit, je näher die Stunde der Wahrheit rückt. Schnitzlers perfekter Kurzroman wurde kaum angetastet. Doch jede Ergänzung erweist sich als stimmig, und allein Greta Lees Interpretation von «Surabaya Johnny» – sie war die Hauptdarstellerin in Celine Songs wunderbarem Past Lives – lohnt den Film. Seinen eigentlichen Reiz aber verdankt dieser kleine Jahrmarkt der Eitelkeiten letztlich seiner von Bescheidenheit geprägten Lebensklugheit.
Norbert Creutz
